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Flüchtlinge Willkommen

Die Idee zu Flüchtlinge Willkommen entstand aus der privaten Initiative, eine geflüchtete Person in einem frei gewordenen WG-Zimmer der Initiator*innen Jonas Kakoschke und Mareike Geiling aufzunehmen. Gemeinsam mit der dritten Mitinitiatorin Golde Ebding ging daraus die Idee zu einer bundesweiten Plattform hervor. Grundlage für Idee und Planung ist die Kritik an der Unterbringung von Geflüchteten in Deutschland: Zumeist ist diese dezentral, weist eine mangelhafte Anbindung an Stadtzentren sowie unzureichende hygienische Zustände auf, ist oftmals mit viel zu vielen Menschen belegt und bietet keine Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Partizipation. Statt von einer Willkommenskultur empfangen zu werden, schlägt vielen Geflüchteten Ablehnung und Misstrauen entgegen.

Von Beginn an war die Resonanz enorm: Zu einem nationalen und internationalen Presseecho kamen Tausende Anmeldungen von Wohnraumgebenden, Geflüchteten und Ehrenamtlichen. Nach etwas mehr als einem Jahr Bestehen hat die Organisation eine enorme Entwicklung durchlebt: Von drei Ehrenamtlichen ist sie zu einem achtköpfigen Team gewachsen, das bundesweit über 250 Geflüchtete in privates Zusammenleben vermittelt hat. Dabei sind alle in der Vermittlung tätigen Mitarbeiter*innen der Organisation für verschiedene Regionen in Deutschland tätig, um eine nachhaltige Zusammenarbeit mit Organisationen vor Ort und anderen Partnern aufzubauen. Unser Konzept wurde bisher in acht weiteren europäischen Ländern adaptiert und umgesetzt. Die Teams arbeiten vor Ort eigenständig und autonom; sie sind aber Teil des Netzwerks “Refugees Welcome International”. Insgesamt gibt es Anfragen aus 62 Ländern, in denen Menschen “Flüchtlinge Willkommen” umsetzen wollen. Europaweit wurden bisher knapp 500 Menschen über das Netzwerk vermittelt. Das nächste Ziel ist es, Kooperationen mit Kommunen aufzubauen, um unbürokratischer und direkter von der bisherigen zentralen Unterbringung zu einer dezentralen zu kommen.

Von Anfang waren die Rückmeldungen fast ausschließlich positiv. Dies bedeutete eine sehr wichtige Unterstützung, die es ermöglichte, schon relativ früh ein großes Unterstützer*innennetzwerk aufzubauen.
Eine Herausforderung stellt nach wie vor der Kontakt mit Behörden oder größeren Trägern dar, da für viele die fast ausschließlich digitale Arbeitsweise von Flüchtlinge Willkommen noch zu ungewohnt ist. Somit werden Vermittlungen veschleppt oder können gar nicht erst eingeleitet werden.

Auch der Föderalismus verkompliziert die Vermittlungen, da die Kommunen die Unterbringung von Geflüchteten sehr unterschiedlich handhaben. Somit muss vor jeder Vermittlung im Einzelfall geprüft werden, ob der geflüchtete Mensch überhaupt aus der Sammelunterkunft ausziehen darf und wenn ja unter welche  Bedingungen.

Dazu kommt der finanzielle Druck, dem Flüchtlinge Willkommen ausgesetzt ist. Als derzeit noch ausschließlich spendenfinanziertes Projekt ist Flüchtlinge Willkommen stark von dem öffentlichen Diskurs zur Flüchtlingsdebatte abhängig: Sobald die Aufmerksamkeit von Medienseite da ist, treffen viele Spenden ein. In Zeiten, in denen vorwiegend negativ oder ablehnend berichtet wird, werden nicht nur die Spenden weniger, sondern auch die Unterstützung von Ehrenamtlichen.

Dazu kommen vor allem in den vergangenen Monaten immer mehr Anfeindungen von Rechtsradikalen und Rassisten, die die Organisation in den Social-Media-Kanälen und auf durch Emails heftig beleidigen und bedrohen.

Das Projekt lebt von den Geschichten, die sich durch die Vermittlungen ergeben. Viele der Geflüchteten, konnten durch die Vernetzung mit Beheimateten Jobs und Wohnungen finden – was ohne das Zusammenleben deutlich schwieriger gewesen wäre. Aber auch für die Beheimateten ist das Zusammenleben sehr bereichernd: Durch den persönlichen Bezug und das direkte Zusammenleben wird erstmals das Individuum aus der “Masse” von Geflüchteten wahrgenommen. Der Hintergrund, Sorgen und Wünsche der Person treten in den Vordergrund. Dadurch werden Fluchtgründe und kulturelle und religiöse Backgrounds differenzierter wahrgenommen. Dies trägt zu einer Reflexion des eigenen Lebensstils sowie der Öffnung für ein vielfältigen Zusammenlebens bei.

Flüchtlinge Willkommen plädiert für ein offenes und gemeinschaftliches Europa, das auch und besonders die Menschen einschließt, die in Europa Zuflucht suchen. Niemand flieht ohne Grund und viele europäische Länder sind nicht unschuldig an heutigen Konflikten und wirtschaftlichen Herausforderungen auf anderen Kontinenten. Flüchtlinge Willkommen ist nicht nur ein politisches Statement, das aufzeigt, wo in der Umgehensweise mit Geflüchteten Mängel auftreten. Es macht des Weiteren die große Solidarität in Deutschland und Europa sichtbar und bietet eine direkte und nachhaltige Möglichkeit für ein Engagement von Bürger*innen.